Im Januar 2025 haben europäische Kontrollbehörden erneut mehrere Sendungen mit Bio-Sesam- und Gewürzprodukten abgefangen, weil Rückstandsbefunde nicht mit dem Bio-Anspruch vereinbar waren (RASFF-Portal, 2025). Diese Meldungen sind nicht mehr ungewöhnlich. Laut der Europäischen Kommission ist die Zahl der zusätzlichen Importkontrollen, die gemäß der Verordnung (EU) 2018/848 durchgeführt werden, in den letzten Jahren stetig gestiegen – insbesondere in Kategorien, die als anfällig für Zertifizierungsprobleme gelten, darunter Kräuter, Gewürze, Tees, Öle und Extrakte.

Auf den ersten Blick mag dies hauptsächlich wie ein Compliance-Problem für europäische Lebensmittelunternehmen erscheinen. In der Praxis sind die operativen Konsequenzen jedoch oft deutlich größer. Sobald eine Sendung vorübergehend blockiert oder abgelehnt wird, beginnen sofort zusätzliche Kosten zu entstehen: Lagergebühren, erneute Probenahmen, Laboranalysen, Umetikettierungen, verzögerte Lieferungen und vertragliche Streitigkeiten. Besonders bei Zutaten mit engen Lieferfenstern oder volatilen Preisen können sich diese Kosten schnell summieren.

Abgelehnte Sendungen sind daher kein reines QA-Problem mehr. Sie werden zunehmend zu einer Beschaffungs- und Finanzfrage.

2,7 Mio. Tonnen biologischer Agrarprodukte in die EU importiert im Jahr 2024
89% der weltweiten Zimtproduktion konzentriert in China und Vietnam
zusätzliche EU-Importkontrollen gemäß Verordnung 2018/848 nehmen von Jahr zu Jahr zu

Das Ausmaß des Problems

Der Einfluss wächst, weil internationale Bio-Lieferketten selbst komplexer geworden sind. Im Jahr 2024 importierte die Europäische Union mehr als 2,7 Millionen Tonnen biologischer Agrarprodukte aus Drittländern (Europäische Kommission, 2025). In Kategorien wie Kräutern, Gewürzen und Extrakten durchlaufen Handelsströme oft mehrere Händler, Konsolidierungspunkte und lokale Verarbeiter, bevor sie Europa erreichen.

Die meisten operativen Probleme entstehen genau in diesen Zwischenstufen. Nicht immer wegen organisierter Betrugsversuche, sondern weil Dokumentation, Analyseergebnisse und Logistikdaten nicht durchgängig übereinstimmen. Chargencodes stimmen nicht vollständig überein. Massenbilanzen werden schwer erklärbar. Analysezertifikate sind inkonsistent mit Transportdokumenten. Oder Rückstandstests zeigen Unregelmäßigkeiten, die nicht sofort erklärt werden können.

Wie bei Ingwerimporten aus China und Peru sichtbar wurde, können solche Unstimmigkeiten allein bereits ausreichen, um ganze Container zur zusätzlichen Überprüfung zurückzuhalten. In einigen Fällen werden Sendungen schließlich freigegeben. In anderen werden sie auf konventionelle Ware zurückgestuft oder vollständig abgelehnt.

Containerschiff bei der Ankunft im EU-Hafen – Bio-Sendungen unterliegen zunehmenden Grenzkontrollen und einer genauen Dokumentationsprüfung

Am EU-Hafen eintreffende Containersendungen werden intensiver kontrolliert – Dokumentation, Volumina und Handelsströme müssen logisch übereinstimmen.

Das Risiko verlagert sich flussaufwärts

Für Beschaffungsteams verlagert sich das Risiko daher weiter flussaufwärts. Zertifizierung funktionierte früher in erster Linie als letzte Kontrollinstanz. Heute müssen Einkäufer zunehmend beurteilen, ob eine Lieferkette operativ glaubwürdig ist, bevor sie Volumina festlegen.

Die Regulierung spielt eine wesentliche Rolle bei dieser Verschiebung. Die Verordnung (EU) 2018/848 verpflichtet Betreiber, Präventivmaßnahmen gegen Kontamination und Vermischung umzusetzen. Artikel 9 verpflichtet Unternehmen ausdrücklich dazu, Verfahren einzurichten, die die Bio-Integrität schützen. In der Praxis bedeutet das, dass Zertifikate allein bei Audits oder Grenzkontrollen nicht mehr ausreichend sind.

Die übergeordnete europäische Gesetzgebung verstärkt diesen Trend weiter. Im Rahmen der CSRD wächst der Druck hinsichtlich einer nachweisbaren Sorgfaltspflicht in vorgelagerten Lieferketten. Gleichzeitig drängen EUDR-Prozesse Unternehmen dazu, Lieferanteninformationen, Geolokationsdaten und Rückverfolgbarkeitsnachweise in einheitliche operative Akten zu integrieren.

Operative Konsequenz

Für Lebensmittelunternehmen entsteht dadurch eine neue Realität: Die Qualität der Dokumentation wird zunehmend wichtig für die operative Kontinuität. Die Dokumentationsakte, die eine Sendung begleitet, ist nun Teil der Risikobeurteilung – nicht nur das Zertifikat ganz oben.

Konzentrierte Märkte, geringere Fehlertoleranz

Dies ist besonders relevant in hochvolatilen Kategorien. Der Zimtmarkt bleibt stark auf China und Vietnam konzentriert, die gemeinsam rund 89 % der weltweiten Produktion ausmachen (JRC, 2025). Bei Kurkuma brachte das Jahr 2025 widersprüchliche Meldungen zu Erträgen, Preisen und verfügbaren Versorgungsmengen (Nedspice, 2025; Plant Lipids, 2025). Unter diesen Bedingungen steigt der Druck auf die Lieferketten und damit auch die Wahrscheinlichkeit von Inkonsistenzen zwischen Produktion, Zertifizierung und tatsächlichen Exportmengen.

Beschaffung verlagert sich daher zunehmend weg vom Preisvergleich und hin zur Überprüfungskompetenz.

Bio-Zutatenbeschaffung in Peru – kürzere Lieferketten verringern die Dokumentationskomplexität bei EU-Grenzkontrollen

Feldbeschaffung in Peru – kürzere, direktere Lieferketten reduzieren die Anzahl der Dokumentationsebenen, die unter EU-Prüfung konsistent bleiben müssen.

Wie sich die Beschaffung anpasst

Für Einkäufer bedeutet das, dass die Lieferantenbewertung zunehmend operativer wird.

Viele Unternehmen vergleichen heute aktiv Rückstandsanalysen mit Chargenunterlagen und Logistikaufzeichnungen. Massenbilanzen werden zunehmend vor Vertragsabschluss angefordert, anstatt erst bei Audits. Einige Importeure bauen integrierte Lieferantenakten auf, die Bio-Zertifikate mit Auditverläufen, CAPA-Berichten, Geolokationsdaten und Analysezertifikaten kombinieren.

Dies geschieht nicht nur aus Vorsicht. Es ist in erster Linie eine Reaktion auf die finanziellen Auswirkungen blockierter und abgelehnter Sendungen.

Letztlich betrifft die größte Veränderung die Art und Weise, wie Risiken selbst bewertet werden. Im Jahr 2026 hängt die Beschaffung biologischer Zutaten weniger davon ab, ob ein Lieferant ein Zertifikat besitzt. Wichtiger ist, ob Dokumentation, Handelsströme und operative Prozesse kohärent bleiben, wenn sie unter Druck geraten.

Eine veränderte Rolle für die Beschaffung

Das verändert auch die Rolle der Beschaffung innerhalb von Lebensmittelunternehmen. Weniger Fokus auf Zertifikate als Endpunkt. Mehr Fokus auf Überprüfbarkeit entlang des gesamten Beschaffungs-, Import- und Kontrollprozesses.

Die Unternehmen, die diesen Wandel am reibungslosesten vollziehen, sind jene, die Lieferantendokumentation nicht als Compliance-Archiv, sondern als lebendiges operatives Instrument behandeln – etwas, das an jedem Punkt der Lieferkette hinterfragt werden kann, ohne Inkonsistenzen zu erzeugen.

In diesem Sinne ist die zunehmende Häufigkeit von RASFF-Meldungen und Importkontrollen keine reine Grenzmanagement-Geschichte. Es ist ein Signal darüber, welche Art von Beschaffungsbeziehungen operativ tragfähig bleibt, wenn sich die EU-Durchsetzung weiter verschärft.


Quellen

  1. RASFF-Portal. (2025). Schnellwarnsystem für Lebens- und Futtermittel – Meldungen Januar 2025. Europäische Kommission.
  2. Europäische Kommission. (2025). Ökologischer Landbau in der EU – Importstatistiken und Kontrolldaten. DG AGRI.
  3. Gemeinsames Forschungszentrum (JRC). (2025). Studie zur Authentizität und Qualität von Zimt. Europäische Kommission.
  4. Nedspice. (2025). Kurkuma-Marktbericht – Angebots- und Preisentwicklung.
  5. Plant Lipids. (2025). Kurkuma-Ernte- und Ertragsausblick 2025.
  6. Europäisches Parlament & Rat. (2018). Verordnung (EU) 2018/848 über die ökologische/biologische Produktion und die Kennzeichnung von ökologischen/biologischen Erzeugnissen. EUR-Lex.
  7. Europäische Kommission. (2025). Corporate Sustainability Reporting Directive – Omnibus-Aktualisierung.
  8. Europäische Kommission. (2026). EUDR-Umsetzungsleitfaden.