Im B2B-Food-Bereich werden "Bio" und "Fair Trade" noch immer behandelt, als gehörten sie automatisch zusammen. Sie stehen auf derselben Nachhaltigkeitsagenda, tauchen in denselben Beschaffungsklauseln auf und werden in Lieferantenpräsentationen oft gemeinsam genannt. Dasselbe sind sie nicht. Das waren sie nie. Unter der Regulierung, die jetzt in der Europäischen Union greift, wird der Unterschied zwischen beiden vom Marketingdetail zu einem kommerziellen Risiko.

Der Welt-Fair-Trade-Tag am 9. Mai ist deshalb ein guter Anlass, diesen Unterschied nüchtern zu betrachten. Nicht als Feier, sondern als Prüfpunkt: Was deckt die jeweilige Zertifizierung konkret ab, was nicht, und welche Fragen sollten Importeure, Lebensmittelhersteller und Getränkemarken ihren Zutatenlieferanten 2026 tatsächlich stellen?

Darauf kommt es an und das bedeutet es für B2B-Einkäufer.

Bio-Ingwerfeld in Peru mit Kleinbauern

Bio-Ingwerbauern in Peru: Die Bio-Zertifizierung erfasst die Anbaumethode, nicht die Bezahlung der Erzeuger.

1. Was Bio zertifiziert und was nicht

Die EU-Bio-Zertifizierung betrifft den Anbau. Der Standard ist konkret und etabliert: keine synthetischen Pestizide, keine synthetischen Düngemittel, keine gentechnisch veränderten Inputs sowie definierte Regeln für Fruchtfolge, Bodenmanagement und Tierwohl. Ein Betrieb mit EU-Bio-Zertifikat hat durch Inspektionen und Audits nachgewiesen, dass seine Produktionsmethoden diese agronomischen Kriterien erfüllen.

Was die Bio-Zertifizierung nicht abdeckt, ist ebenso konkret. Sie sagt nichts darüber aus, wie der Landwirt bezahlt wurde. Nichts über die Vertragslaufzeit. Nichts über Arbeitsbedingungen auf dem Betrieb oder im Umfeld. Und nichts über die Preisstabilität, die eine Kleinbauernkooperative in Peru, Indien oder Ägypten braucht, um in die Ernte des nächsten Jahres zu investieren.

Das ist keine Schwäche des Standards, denn Bio wurde nie dafür entwickelt, Handelsbedingungen zu zertifizieren. Für Einkaufsteams im Jahr 2026 bedeutet es jedoch, dass "Bio" allein die meisten Fragen zu Beschaffung, Risiko und Compliance nicht mehr beantwortet.

2. Was Fair Trade zusätzlich leistet und wo die Schnittmenge endet

Die Fair-Trade-Zertifizierung funktioniert auf einer anderen Ebene. Sie regelt den Vertrag: Mindestpreise, die Erzeuger schützen, wenn Rohstoffmärkte einbrechen, Prämien für Kooperativen zur Finanzierung von Gemeinschaftsinvestitionen, mehrjährige Abnahmevereinbarungen für Planbarkeit sowie Arbeitsstandards einschließlich Verboten von Zwangs- und Kinderarbeit.

Ein Produkt kann beide Zertifizierungen gleichzeitig tragen: Bio-Fair-Trade-Ingwer, Bio-Fair-Trade-Kaffee oder Bio-Fair-Trade-Kakao existieren und werden mit Preisaufschlag gehandelt. Das heißt aber nicht, dass sich die Standards gegenseitig ersetzen. Sie werden übereinandergestapelt, nicht verschmolzen. Eine Fair-Trade-Zutat kann konventionell angebaut sein. Eine Bio-Zutat kann Teil einer Beschaffungsbeziehung ohne Vertragslaufzeit, ohne Mindestpreis und ohne Audit der Arbeitsbedingungen auf dem Hof sein.

Für B2B-Einkäufer ist das relevant, weil sich das Risikoprofil dieser beiden Varianten, nur Bio versus Bio plus Fair Trade, materiell unterscheidet, selbst wenn die fertige Zutat identisch ist.

3. Warum diese Unterscheidung gerade jetzt wichtiger wird

In weiten Teilen der vergangenen zwei Jahrzehnte galt die Bio-Zertifizierung in der B2B-Beschaffung als ausreichender Nachweis für "verantwortungsvolle Beschaffung". Einkäufer setzten ein Häkchen, Lieferanten legten ein Zertifikat vor, und das Gespräch war beendet. Dieses Gleichgewicht endet nun unter dem Einfluss von drei EU-Regelwerken, die schrittweise in Kraft treten:

CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) verpflichtet große Unternehmen und zunehmend auch deren Lieferanten, über ökologische, soziale und Governance-Auswirkungen in ihren Wertschöpfungsketten zu berichten. "Unsere Zutaten sind Bio" ist unter den European Sustainability Reporting Standards keine ausreichende Nachhaltigkeitsaussage mehr. Die Berichterstattung muss nun auch Menschenrechte, Arbeitsbedingungen und Lieferantenmanagement entlang der gesamten Kette erfassen.

EUDR (EU Deforestation Regulation), anwendbar ab Ende 2025 für große Marktteilnehmer und ab 2026 für KMU, verlangt für bestimmte Rohstoffe, darunter Kaffee, Kakao, Palmöl, Soja, Kautschuk, Rinder und Holz sowie abgeleitete Produkte, den Nachweis, dass sie nicht mit Entwaldung nach Dezember 2020 verbunden sind. Dafür sind Geolokationsdaten des Ursprungsgrundstücks erforderlich. Ein Bio-Zertifikat ist unter EUDR kein Nachweis. Rückverfolgbarkeit ist es.

CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive), die ab 2027 in nationales Recht umgesetzt wird, verpflichtet Unternehmen ab einer bestimmten Größenordnung dazu, negative Auswirkungen auf Menschenrechte und Umwelt in ihren Tätigkeiten und Wertschöpfungsketten zu identifizieren, zu verhindern und zu mindern, ausdrücklich auch auf Ebene indirekter Geschäftspartner. Auch hier gilt: Die Bio-Zertifizierung allein weist die verlangte Sorgfalt nicht nach.

Das Muster ist eindeutig. Die EU-Politik verschiebt sich von Produkteigenschaften hin zu belastbaren Nachweisen in der Lieferkette. Bio bleibt relevant, reicht allein aber nicht mehr aus.

4. Was das für die Beschaffung von Zutaten bedeutet

Übertragen auf die Kategorien, mit denen wir bei NOW Organic arbeiten, Bio-Ingwer, Kurkuma, Zitrusfrüchte, Mandarinen sowie Frucht- und botanische Saftkonzentrate, sind die praktischen Folgen sehr konkret.

Bei Ingwer und Kurkuma, die überwiegend aus Indien, China und Peru stammen, sollten B2B-Einkäufer mit Folgendem rechnen:

Für Zitrusfrüchte und Mandarinen, deren Lieferantenbasis auf weniger Länder konzentriert ist, etwa Spanien, Ägypten, die Türkei und Teile Lateinamerikas, gelten dieselben Erwartungen, mit zusätzlichem Augenmerk auf saisonale Arbeitsbedingungen, einem dokumentierten Risikobereich in dieser Kategorie.

Bei Saftkonzentraten, die weiter unten in der Verarbeitungskette liegen, reicht die Verantwortung des Einkäufers bis zur vorgelagerten Rohwarenbeschaffung und endet nicht an der Konzentratfabrik. Ein rückverfolgbares Konzentrat, das die Herkunft seiner Früchte nicht belegen kann, ist unter dem neuen Regime kein ausreichender Nachweis mehr.

Das ist längst kein reines ESG-Thema mehr. Es ist Beschaffungshygiene.

NOW Organic Verarbeitungsstandort, Rückverfolgbarkeit reicht vom Feld bis in die Fabrik

5. Was Einkäufer 2026 tun sollten

Unternehmen, die den regulatorischen Übergang zwischen 2026 und 2028 reibungslos bewältigen wollen, tun jetzt vier Dinge:

  1. Lieferantenfragebögen aktualisieren, damit getrennt nach Bio-Zertifizierung, Fair Trade oder gleichwertiger sozialer Zertifizierung, Rückverfolgbarkeitsnachweisen und EUDR-relevanten Geolokationsdaten gefragt wird.
  2. Die bestehende Lieferantenbasis auditieren anhand dieser Kriterien, mit Zeitplan für Abhilfemaßnahmen bei Lieferanten, die sie noch nicht erfüllen.
  3. Beschaffungsverträge neu fassen, mit konkreten Klauseln zu Rückverfolgbarkeit, Audit-Rechten und Lieferantenpflichten unter EUDR und CSDDD.
  4. Beschaffungsstrategie und Berichtsstrategie aufeinander abstimmen, damit eingehende Lieferantendaten direkt in die CSRD-Berichterstattung einfließen können, statt erst zum Jahresende rekonstruiert zu werden.

Für sich genommen ist nichts davon spektakulär. Es sind Aufgaben, die Einkaufsteams ohnehin kennen. Neu ist die Kombination: Bio, Fair Trade, Rückverfolgbarkeit und Due Diligence sind keine getrennten Nachhaltigkeitsgespräche mehr. Sie verdichten sich zu einem einzigen Erwartungsrahmen, mit einer gemeinsamen Zeitschiene und innerhalb eines gemeinsamen regulatorischen Umfelds.

Der Welt-Fair-Trade-Tag ist deshalb ein guter Zeitpunkt, um zu prüfen, wo Ihre Beschaffung heute steht und wo sie in zwölf Monaten stehen muss.


Häufig gestellte Fragen

Die Bio-Zertifizierung betrifft die Art des Anbaus: keine synthetischen Pestizide, keine synthetischen Düngemittel, keine GVO und definierte Regeln für Boden und Fruchtfolge. Die Fair-Trade-Zertifizierung betrifft die Art des Handels: Mindestpreise für Erzeuger, Kooperativenprämien, mehrjährige Verträge und Arbeitsstandards. Ein Produkt kann eine Zertifizierung tragen, beide oder keine.

Nein. Beide Standards sind unabhängig voneinander. Die Bio-Zertifizierung nach EU-Regeln stellt keine Anforderungen an den an Landwirte gezahlten Preis, an Vertragslaufzeiten oder an Arbeitsbedingungen auf dem Hof. Die Fair-Trade-Zertifizierung stellt ihrerseits keine Anforderungen an die Anbaumethoden.

Am weitesten verbreitet sind Fairtrade International (FLO/FLOCERT), Fair Trade USA, Fair for Life und das Garantiesystem der World Fair Trade Organization (WFTO). Sie unterscheiden sich in Umfang, Auditmethodik und Kettenabdeckung. Die meisten großen Lebensmittelhersteller akzeptieren mehrere Systeme.

Nein. Für die EUDR-Compliance sind spezifische Nachweise erforderlich, darunter bei relevanten Rohstoffen Geolokationsdaten des Ursprungsgrundstücks und eine Due-Diligence-Erklärung. Die Bio-Zertifizierung ist dieser Nachweis nicht.

Die CSDDD gilt unmittelbar für Unternehmen ab einer bestimmten Größenordnung, derzeit 1.000 Beschäftigte und 450 Mio. Euro Umsatz, mit schrittweiser Anwendung ab 2027. Unternehmen im Geltungsbereich müssen jedoch Due Diligence in ihren Wertschöpfungsketten umsetzen. Dadurch steigen die Anforderungen großer Käufer an kleinere Lieferanten auch dann, wenn diese selbst nicht unmittelbar erfasst sind.


Quellen

  1. European Parliament & Council of the European Union. (2018). Regulation (EU) 2018/848 of the European Parliament and of the Council of 30 May 2018 on organic production and labelling of organic products and repealing Council Regulation (EC) No 834/2007. EUR-Lex. https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2018/848/oj/eng
  2. Council of the European Union. (2025, December 18). Deforestation: Council signs off targeted revision to simplify and postpone the regulation [Press release]. https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2025/12/18/deforestation-council-signs-off-targeted-revision-to-simplify-and-postpone-the-regulation/
  3. Fairtrade International. (n.d.). How Fairtrade certification works. Abgerufen am 7. Mai 2026 von https://www.fairtrade.net/en/why-fairtrade/how-we-do-it/how-does-the-label-work/how-fairtrade-certification-works.html